Reportage des Monats


22.07.09, Elaph

Fachleute arbeiten an Züchtung der Saharabiene

Algerisches Großprojekt eröffnet neue Perspektiven für Nahrungsmittelproduktion und Pharmazeutika

von Kamil Al-Schirazi, Algier

Seit einigen Tagen arbeitet Algerien an Plänen zur Züchtung der Saharabiene in den weitläufigen Halbwüstengegenden im Westen und Süden des Landes. Experten glauben, dass eine Verbesserung der Produktivität bei den verschiedenen Erzeugnissen des Bienenstocks, wie Honig, Blütenstaub, Honigwachs und „Gelée Royale“, für zahlreiche wirtschaftliche Bereiche vielversprechende Perspektiven eröffnet, besonders im Hinblick auf die Produktion von Nahrungsmitteln, Pharmazeutika und sogar Kosmetikprodukten.

Wie der Generaldirektor des Technischen Instituts für Tierzucht, Ahmed Bou Jenah, gegenüber Elaph erklärte, hat diese „beispielgebende“ Aktion in der ersten Phase das Ziel, die Fortexistenz dieser Bienenrasse zu sichern und sie vor dem Aussterben zu bewahren. Danach soll der Produktion von Honig in Algerien ein kräftiger Impuls verliehen werden, und zwar sowohl quantitativ als auch qualitativ. Bou Jenah hob hervor, eine Gruppe von Fachleuten werde effektivere Methoden und Techniken zur Zucht und Selektion der Königinnen ausarbeiten. Dazu soll ein Prozedere angewandt werden, das auf die Region, die für das Projekt ausgesucht wurde, abgestimmt ist. Die Ansiedlung der Saharabiene in den Halbwüstenregionen Algeriens zeichne sich durch sichere Ergebnisse aus, besonders seitdem diese Bienenrasse wieder hoch geschätzt werde.

Abderrahman Failah, der Leiter des Projekts meint, die Umsetzung der Pläne könne tausenden Arbeitslosen eine Beschäftigung bringen, und die Bürger wären begeistert, wenn man aus diesem Versuch einen Wirtschaftszweig mache. Die algerischen Behörden, fügt er hinzu, setzen auf die Zucht der Saharabiene als eine wichtige Quelle des Wohlstands in den ländlichen Gebieten, insbesondere hinsichtlich der Schaffung von Arbeitsplätzen. Denn diese Zucht verlange keine nennenswerten Investitionen. Dies ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass das algerische Arbeitsministerium die Arbeitslosenquote zur Zeit auf 11,8 % beziffert. Unabhängige Institute und internationale Organisationen sehen sie sogar bei bis zu 35 %.

Auch der Wirtschaftsexperte Salim Laajailiya denkt, dass die Zucht der Saharabiene sich, neben anderen, als eine Hauptaktivität in der Landwirtschaft etablieren kann. Durch das Projekt könne es auch zu einer erneuten Wertschätzung der landwirtschaftlichen Flächen kommen – wenn die Bienenzucht den Landwirten ordentliche Einkünfte beschere. Denn die kurzen Produktionszyklen könnten es auf gewisse Weise gestatten, Geldmittel zu erwirtschaften, mit denen man einen Teil der allgemeinen Ausgaben abdecken könne. Außerdem könne die Bienenzucht dazu beitragen, die drückende Arbeitslosigkeit zu abzubauen und eine geschulte Arbeitnehmerschaft hervorzubringen. Schließlich sind 75 % der Einwohner Algeriens junge Menschen unter 25 Jahren, von denen viele von versteckter Arbeitslosigkeit betroffen sind. Algerien will bis zum Jahre 2014 drei Millionen neue Arbeitsplätze schaffen.

Bei den Biologen ist die Saharabiene unter der Bezeichnung „Apis mellifera sahariensis“ bekannt. Sie gehört zu den Insektenarten, die im Südwesten Algeriens heimisch sind, vor allem in den Gegenden El-Ksour und Mécheria, außerdem noch in Bechar und Béni-Ounif. Diese Regionen erstrecken sich südlich des Hohen Atlas und grenzen im Westen an Marokko und im Süden an die Saharawüste. Sie zeichnen sich durch ein extremes Klima aus, mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Die Luft ist trocken, und immer wieder treten Sandstürme auf. Diese Regionen sind für ihren spärlichen Pflanzenbewuchs bekannt, verglichen mit dem Norden Algeriens. Nur während einer kurzen Zeitspanne zwischen einem und drei Monaten kann die Biene offene Blüten aufsuchen.

Dabei sind diese Halbwüstenregionen reich an einigen Arten Früchte tragender Bäume und ’Arisch-Pflanzen¹, neben Hülsenfrüchtlern und Steinbrechgewächsen, die zur Gruppe der zweikeimblättrigen Pflanzen zählen, welche weitverzweigte Kronen ausbilden. Auch der Klee und der Jujubebaum, der zu den Kreuzdorngewächsen gehört, sind hier zu erwähnen. Da all diese Pflanzen für ihre Heilwirkungen bekannt sind, enthält auch der charakteristisch dunkelbraune Honig, der den Stöcken der Saharabiene entnommen wird, viele dieser guten Eigenschaften. Dies erklärt auch, warum dieser Honig bei den Verbrauchern trotz der hohen Preise so heiß begehrt ist.

Das bestäubende Insekt ist zudem in hohem Maße in der Lage, sich auch an extreme Umweltbedingungen anzupassen. Auf der Suche nach Blütenstaub vermag sie weitere Strecken zurückzulegen als die Tellbiene. Und im Gegensatz zu dieser ihrer Konkurrentin sammelt die Saharabiene eine große Menge an Honig und Blütenstaub und ist, außerdem, auch nicht gefräßig, sondern bewahrt beachtliche Vorräte auf, um in den schweren Zeiten der Bedürftigkeit und des Hungers zu bestehen.

Auf die Saharabiene lauern zahlreiche Gefahren, zum Beispiel der regelmäßige Einfall von Heuschreckenschwärmen nach Algerien. Eine seiner Folgen ist der beträchtliche Einsatz von Insektiziden, welche meist nicht zwischen diesen Schadinsekten und der Saharabiene unterscheiden. Zudem besteht für letztere, die sich in Jahrtausenden an ihre Umwelt angepasst hat, die Gefahr der genetischen Verunreinigung, seit die Tellbiene in ihren Lebensraum eingedrungen ist. Dadurch droht die Entstehung einer gekreuzten Rasse, die den Vorzug der ursprünglich heimischen Saharabiene, den extremen natürlichen Bedingungen standzuhalten, verloren hat.


¹Pflanzen, aus deren Material schattenspendende Lauben, Dächer, Zäune u.Ä. angefertigt werden können

reportage-des-monats.txt · Zuletzt geändert: 2009/08/22 01:13 von Thomas Weische